Das Au-pair-Programm in Deutschland steht an einem Wendepunkt. Die aktuelle Konjunkturumfrage 2026 zeigt eine Entwicklung, die in der Branche mit Sorge betrachtet wird: So kamen im Jahr 2025 nur noch rund 8.500 ausländische Au-pairs nach Deutschland – ein Rückgang von 15 Prozent innerhalb eines Jahres. Damit setzt sich ein kontinuierlicher Abwärtstrend fort. Zum Vergleich: 2019 entschieden sich noch rund 15.000 junge Menschen für einen Au-pair-Aufenthalt in Deutschland.
Zwischen Hoffnung und Hürden: Visumspraxis als größtes Hindernis
Für viele junge Menschen bleibt der Traum vom Au-pair-Aufenthalt in Deutschland unerfüllt – nicht aus mangelndem Interesse, sondern aufgrund komplizierter und oft schwer nachvollziehbarer Visaverfahren. Während in einigen Ländern plötzlich kaum noch Visa erteilt werden, eröffnen sich in anderen neue Möglichkeiten. Diese Unberechenbarkeit erschwert die Planung und kostet das Vertrauen von Au-pairs, Agenturen und Gastfamilien gleichermaßen. Traditionelle Herkunftsländer wie die Philippinen oder Indonesien sind inzwischen kaum noch vertreten. Gleichzeitig kommen vermehrt Au-pairs aus Kirgisistan, Usbekistan, Tunesien, Thailand, Mexiko oder Ruanda nach Deutschland. Dies ist ein Zeichen dafür, dass sich der Markt zwar verschiebt, aber nicht stabilisiert.
Deutschland im Wettbewerb zurückgefallen
Was besonders nachdenklich stimmt: Deutschland verliert im europäischen Vergleich zunehmend an Attraktivität. Obwohl das Interesse am Kulturaustausch weiterhin groß ist, entscheiden sich viele junge Menschen bewusst für andere Länder. Der Grund ist oft klar: bessere Bedingungen, weniger bürokratische Hürden und attraktivere finanzielle Leistungen. Hohe Anforderungen an Deutschkenntnisse bei gleichzeitig vergleichsweise geringem Taschengeld und begrenzten Zuschüssen für Sprachkurse stellen für viele eine Hürde dar. Länder wie Frankreich, die Niederlande oder skandinavische Staaten wirken hier deutlich einladender.
Wenn Strukturen wegbrechen: Weniger Agenturen, mehr Risiken
Die Zahl der Full-Service-Agenturen in Deutschland ist auf nur noch 87 gesunken. Hinter dieser Zahl stehen nicht nur Unternehmen, sondern auch Erfahrung, Qualität und persönliche Betreuung. Mit jeder Agentur, die vom Markt verschwindet, geht ein Stück Sicherheit verloren – für Au-pairs ebenso wie für Gastfamilien. Ohne verlässliche Strukturen droht das Programm an Qualität einzubüßen und an Vertrauen zu verlieren.
Auch deutsche Au-pairs spüren die Veränderung
Die Entwicklung betrifft nicht nur den Incoming-Bereich. Auch für deutsche Au-pairs wird die Welt kleiner: Die USA, lange Zeit das wichtigste Zielland, haben deutlich an Bedeutung verloren – die Teilnehmerzahlen haben sich seit 2017 halbiert. In Großbritannien stagniert das Programm seit dem Brexit. Für viele Agenturen bedeutet das eine zunehmende wirtschaftliche Belastung: 40 Prozent bewerten ihre Lage inzwischen als schwierig.
Mehr als ein Austausch – eine echte Chance
Das Au-pair-Programm hat nach wie vor ein enormes Potenzial. Für viele junge Menschen ist es der erste Schritt in ein neues Leben, ein Türöffner für Sprache, Bildung und berufliche Perspektiven. Oftmals ist ein Au-pair-Aufenthalt der Startpunkt für eine Ausbildung, ein Studium oder eine langfristige Zukunft in Deutschland. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist dieses Potenzial wertvoller denn je.
Jetzt sind klare Signale gefragt
Die Branche ist sich einig: Es braucht jetzt ein klares politisches Signal, um das Au-pair-Programm zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Dazu gehören vor allem:
- transparente und verlässliche Visaverfahren,
- bessere finanzielle Rahmenbedingungen.
Denn nur wenn Deutschland wieder als attraktives Gastland wahrgenommen wird, kann das Au-pair-Programm seine wichtige Rolle weiterhin erfüllen.
Die Konjunkturumfrage 2026 basiert auf einer Befragung von 64 deutschen Au-pair-Agenturen und erscheint bereits zum 20. Mal. Sie wird von DR-WALTER in Auftrag gegeben und im Calypso Verlag publiziert.